LENZ nach georg büchner

LENZ nach georg büchner
LENZ nach georg büchner
Samstag | 22. Juli 2017 | 19:30 Uhr


„Den 20. ging Lenz durchs Gebirg…“
Vor mehr als 170 Jahren schrieb Büchner seinen berühmten Prosatext „Lenz“, der vom sinnverwirrten Schriftsteller Jakob Lenz handelt,
und wie dieser im Bergdorf Waldbach seelische Zuflucht sucht.
Auf unterschiedlichste Weise versucht er in dem winterlichen Ort dem seinem heftigen Angstwahn zu entkommen.
Auch in der Kunst und der Literatur sucht Lenz immer wieder nach metaphysischem Halt: Shakespeare, Goethe, Die Bibel. Ob ihm auch
die Lektüre von Büchners Lenz geholfen hätte?
Der Erzähltext gilt schließlich als ein Meilenstein der deutschen Literatur. Seit seiner Entstehung streitet man sich um diesen Text. Ist
er Fragment, Novelle, gar ein Plagiat? Und wie ihn durchdringen? Mit Reclamheften im Gymnasium wird es versucht, auf der Universität,
an sämtlichen Theatern der Republik und nun eben unter dem ranzigen Ex-Nokia-Bahnbogen in der Rottstr. 5. Auch hier begann alles mit einem gelben Heft.

Von und mit Linus Ebner.
Textfassung: Linus Ebner, Jasmina Dittrich, Simon Krämer, Victoria Fritz
Assistenz: Jasmina Dittrich, Victoria Fritz
Fotos: Yuryi Ogarkov
Technische Leitung: Simon Krämer
Lichtpult: Jasmina Dittrich
Tonpult: Victoria Fritz

Pressestimmen

Als jage der Wahnsinn auf Rossen hinter ihm – so gehetzt spielt Linus
Ebner in seiner eigenen szenischen Einrichtung diesen Lenz: Er springt
über die Schnur des Mikrofons, das seine Worte ab und zu akustisch
verstärkt, und der Wahnsinn scheint ihm aus den Augen zu schauen. Ebner
spielt expressiv, mit Mut zur Hässlichkeit, gelegentlich auch zur
Albernheit – aber auch voller Schönheit und Charisma. Mit großer
Suggestivkraft spricht er Büchners sprachgewaltige Naturbeschreibungen,
schildert er die autoaggressiven Schübe des Protagonisten, die
Angststörungen und Panikattacken. Eine Schaukel, auf der Ebner wieder
und wieder herumturnt, dient nicht der Entspannung, sondern wohl eher
als Metapher für das Schwanken der Welt, das der Dichter am Beginn
seiner Schizophrenie empfindet.

Langweilig wird dem Zuschauer sicher nicht an diesem perfekt zwischen
Tempo und Nachdenklichkeit changierenden Abend, der sich bei nur
geringfügigen Kürzungen eng an Büchners Original-Text hält und bei dem
man doch mitempfindet, wie Welt und Inszenierung sich nach und nach in
Hieroglyphen verwandeln. „Hören Sie denn nicht die entsetzliche Stimme,
die um den ganzen Horizont schreit und die man gewöhnlich die Stille
heißt?“, fragt der verzweifelte Lenz den gütigen Oberlin, bevor dieser
ihn nach Straßburg bringt. Dort lebt er denn dahin in seiner Leere.
Betroffen hören wir den Schlusssatz dieser Inszenierung, bevor wir lange
applaudieren.

Theater Pur

Ebner hat nicht nur die Textfassung erarbeitet und dabei clever montiert
und gestrichen, sondem zeichnet auch für die Regie verantwortlich. Er
rezitiert in einer Art und Weise, die der Schönheit der Sprache Rechnung
träg und findet zugleich wunderbar abstruse Bilder, um die Geschehnisse
der Novelle in Szene zu setzen. Ebner wird zu Jakob Michael Reinhold
Lenz, der Büchner als Vorlage diente.

Lenz litt an einer paranoiden Schizophrenie und Büchner als Arzt an
allem Pathologischen interessiert, beschreibt die Lebensphase, in der
die Krankheit zum ersten Mal ihr furchtbares Gesicht zeigt. Doch Ebner
macht daraus kein Betroffenheitstheater. Im Gegenteil, neben stillen und
beklemmenden Momenten hat er viele lustige ldeen, um Lenz‘ Ausbrüche
zwischen Wahnsinn und tiefster Depression zu bebildem. Und so gerät
dieser Abend zu einem urkomischen und phantasievollen Psychogramm. Am
Ende verlässt man das Theater glücklich. Linus Ebner gehört zu den
wirklich Guten, und man darf auf seine künftigen Projekte gespannt sein.

WAZ